Wie geht es weiter im deutschen Wasserball?

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Am Wochenende startet die deutsche Nationalmannschaft der Männer in eine neue, für die Zukunft entscheidende Ära. Nachdem Ende Juni der Ex-Spandauer (1994-2004) Patrick Weissinger zum neuen Bundestrainer ernannt wurde, steht nun für den inzwischen wieder in der schwäbischen Heimat in Esslingen beheimateten Olympia-Fünften von 2004 bereits die ersten Bewährungsprobe an. Beim Vier-Länder-Turnier in spanischen Portugalete trifft das DSV-Nationalteam auf Russland (Freitag), Rumänien (Samstag)und Spanien (Sonntag). Mit dabei sind mit Tim Höhne, Moritz Oeler, Maurice Jüngling, Marko Stamm sowie als Noch-Gastspieler und -Ausländer Mateo Cuk und Marin Restovic, deren Einbürgerung im August erwartet wird.

Im folgenden ist ein Interview mit Patrick Weissinger wiedergegeben, das weitgehend identisch in der Juli-Ausgabe des DSV-Magazins „Swim & More“ zu lesen sein wird.

Interview mit Neu-Bundestrainer Patrick Weissinger:

„Wir haben zu lange rückwärts geschaut – jetzt muss der Blick nach vorn gehen!“

 

Fast ein halbes Jahr ist zwischen der Rebellion des Wasserball-Nationalteams der Männer gegen den damaligen Bundestrainer Nebojsa Novoselac, dessen Quasi-Abschied vom Amt und der Neubesetzung des Postens vergangen. Ende Juni erhielt Ex-Nationalspieler Patrick Weissinger (259 LS), der für Esslingen und Rekordmeister Spandau 04 (1994-2004) aktiv sowie nach der Spielerkarriere als Trainer in Esslingen und am Bundesstützpunkt Stuttgart tätig war, einen Vertrag bis Ende August 2016. KLAUS WEISE sprach mit dem 42-jährigen über seine Ansichten, Absichten und Aussichten.

 

Hand aufs Herz, Patrick, seit wann waren Sie in Gesprächen mit dem DSV?

 

Nicht erst seit ein paar Tagen. Insider wissen natürlich, dass es personell auch andere Optionen gab, dass dabei Finanzen, Langfristigkeit der Bindung und anderes eine Rolle spielte. Meine Problemstellen waren vor allem der Job am Bundesstützpunkt in Stuttgart, meine zwei kleinen Kinder und der mit dem Bundestraineramt natürlich verbundene hohe Zeitaufwand. Da gab es viele Abwägungen, die geklärt sein wollten: Ich musste in mich gehen, habe lange Gespräche mit meiner Frau geführt. Mein Wasserballherz hat mir gesagt: Ja, das musst du machen.

 

Ein Vertrag bis Ende August 2016 ist alles andere als eine Dauersicherung der beruflichen Zukunft. Der Posten soll danach öffentlich ausgeschrieben werden. Wissen Sie schon, ob Sie sich dann bewerben werden?

 

Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, überhaupt noch keine Gedanken gemacht. Ganz abgesehen davon, dass dies sowieso mit den Ergebnissen meiner Arbeit zusammen hängt. Es geht schlicht und ergreifend um den deutschen Wasserball – nicht mehr und nicht weniger. Ich bin kein Sprücheklopfer, aber auch selbstbewusst genug, um zu sagen: ich sehe mich imstande, die anstehenden Aufgaben erfolgreich zu lösen. Natürlich im Team und nicht allein.

 

Was hat für Sie dabei Priorität?

 

Aus meiner Spielervergangenheit, auch als Kapitän der Nationalmannschaft, weiß ich, dass wir trotz im internationalen Vergleich keineswegs idealer Umfeldbedingungen immer dann erfolgreich waren, wenn wir als Einheit mit Teamgeist und Leidenschaft aufgetreten sind. Das war, so mein Eindruck, zuletzt nicht mehr durchgängig so vorhanden. Ich meine, über die jüngste Vergangenheit muss man nicht mehr unnötig viele Worte verlieren, aber …

 

Aber?

 

Wir müssen jetzt agieren, Gas geben, die Dinge in die Hände nehmen. Es ist hohe Zeit dafür! Wir haben schon viel zuviel Zeit mit Rückschau verloren. Dabei gilt es doch den Blick nach vorn zu richten. Die EM-Qualifikation im Oktober, die EM im Frühjahr 2016 selbst und die Olympiaqualifikation sind drängende Aufgaben, die nicht nur kurzfristige Antworten erfordern, sondern die Wasserball-Perspektive hierzulande insgesamt betreffen.

 

Damit ist nicht nur das A-Nationalteam angesprochen …

 

Natürlich nicht. Im Nachwuchsbereich sind Veränderungen nie wirklich konsequent und national übergreifend durchgesetzt worden. Überall wurde ein bisschen rumgewerkelt, aber nie im Zusammenhang und flächendeckend – entsprechend waren international die Ergebnisse. Platz 8 bei den Europaspielen in Baku war da schon ein kleiner Lichtblick.

 

Inwiefern?

 

Der DSV hatte im Nachwuchs lange kein internationales Top 8-Ergebnis. Das ist endlich mal wieder ein Jahrgang, der ein wenig Hoffnung macht. Es ist auch der erste, der die ganze Sichtung und die Turniere komplett durchlaufen hat und damit Beleg dafür ist, dass komplexe und konzentrierte Förderung Sinn macht. Klar ist, dass das Ziel, international wieder den Anschluss herzustellen, viel Arbeit erfordern wird und nicht innerhalb von Wochen, sondern nur über Jahre hinweg zu realisieren ist.

 

Mit Mateo Cuk und Marin Restovic von Meister Spandau nehmen auch zwei Noch-Ausländer an den ersten Auswahlmaßnahmen unter Ihrer Regie teil. Ihre Idee?

 

Nicht nur meine. Da sie demnächst Deutsche werden, sind sie mit ihrer Qualität als Center und als Linkshänder – seit Jahren zwei Schlüsselpositionen in der Auswahl – höchst willkommen. Sie werden auch bei den kommenden Maßnahmen und Turnieren einbezogen, das macht einfach Sinn.

 

Mit welcher Vision treten sie als Bundestrainer an?

 

Mit der Vision, eine Grundlage für die Zukunft des deutschen Wasserballs schaffen zu können. Es gibt jetzt die Chance für einen echten Neuanfang. Die dürfen wir nicht noch einmal vertun. Dann ist eine Basis für 2020 oder 2024 da. Bei diesem Prozess möchte ich mich sehr gerne und aus voller Überzeugung einbringen – in welcher Funktion auch immer. Ob federführend als Bundestrainer oder an einem Stützpunkt ist eigentlich zweitrangig. Es geht nicht um mich, sondern um den deutschen Wasserball. Das Gute an der jüngsten Krise ist, dass damit Vereine und Trainer zusammengerückt sind.

 

Welches Feedback gab es in der Wasserball-Szene auf Ihre Berufung?

 

Ein erstaunlich starkes und positives. Ich hatte viele Anrufe und Nachrichten, die mir Glück gewünscht und Unterstützung zugesichert haben. Das hat mir bewiesen: der deutsche Wasserball ist nicht tot. Genau das will ich gemeinsam mit dem Nationalteam beweisen.

 

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